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In allen Lebensbereichen sind wir daran gewöhnt, dass sich Formen ändern. Und oft sind wir ganz erpicht darauf, dem, was zu uns gehört, eine individuelle Note oder Prägung zu verleihen. Leider fehlt uns dieses Bedürfnis nach Individualität und Passgenauigkeit oft gerade in dem Lebensbereich, dessen Form möglichst gut zu uns passen und auf uns abgestimmt sein muss, wollen wir nicht immer wieder enttäuscht werden: in unseren Partnerschaften und Liebesbeziehungen. Hier folgen wir oft lediglich übernommen Mustern und Rollenvorstellungen, manchmal ohne es zu wissen. Dabei braucht besonders unsere Liebe und die Form, in der wir sie leben, einen individuellen und persönlichen Zuschnitt. Denn sie ist das Persönlichste, was wir haben.

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„Eine lebendige Beziehung ist ein Raum in dem Menschen aufblühen.“

Nicht selten verbinden wir mit einer Partnerschaft die Aufgabe, Kompromisse zu schließen und sich womöglich auf einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu einigen. Manchmal folgen wir der Devise: „Wenn jeder nur genügend „zurücksteckt“, wird es schon passen.“ Dabei fügt diese resignativ-defensive Grundhaltung der Liebe ähnlich großen Schaden zu, wie das rücksichtslose Durchsetzen eigener Interessen.

Damit die Liebe gelingen kann, braucht sie gleichermaßen Sicherheit und Raum zur Entfaltung. Beide Grundbedürfnisse: das Bedürfnis nach Halt & Geborgenheit und das Bedürfnis nach Entwicklung & Entfaltung müssen angemessen erfüllt sein, damit die Liebe auf Dauer in einer Partnerschaft lebendig bleiben kann. Hier das rechte Maß zu finden ist nicht immer einfach, besonders dann nicht, wenn beide Partner von sehr unterschiedlichen Grundvoraussetzungen ausgehen.

Sicherheit & Freiheit - die beiden Pole von Lebendigkeit

Dann wenn wir uns sicher fühlen, können wir uns öffnen und einlassen. Es fällt uns leicht, und Neugier zu entfalten und in Kontakt zu kommen, mit unserem ureigenen Potential und unsere Lebendigkeit. Fehlt diese gefühlte Sicherheit, versuchen wir meist instinktiv, uns zu schützen und sind „auf der Hut“. In Partnerschaften äußert sich dies meist in Eifersucht und Besitzdenken. Wir wollen Sicherheit dadurch erreichen, dass wir uns oder unseren Partner übermäßig kontrollieren. Womöglich gehen wir auch einen anderen Weg: Wir lassen uns gar nicht erst ein und bleiben in einer unverbindlichen Distanz. Besonders wir Männer neigen manchmal zu diesem „John Wayne - Syndrom.“

Symbiotisch-konservativ oder unverbindlich-laissez-faire

In ausgeprägter Form zeigen sich diese beiden unterschiedlichen Strategien, Sicherheit zu erreichen, in einem eher konservativ-symbiotischen Beziehungsmodell oder dann, wenn Partner auf eine laissez-fair-unverbindliche Form der Beziehung beharren. Beiden „Modellen“ gemeinsam ist die Angst: Entweder die Angst verlassen zu werden oder die Angst vor Vereinnahmung. Diese gilt es ernst zu nehmen.

Erst dann, wenn wir selbst zu diesem verletzen Teil unserer Seele stehen, können wir uns trauen, diese offen auszusprechen und unserem Partner damit die Chance zu geben, etwas Wichtiges von uns zu verstehen. Je mehr wir hier bereit sind, zu unserer eigenen Vergangenheit Wahrheit zu stehen, umso größer ist die Chance, miteinander zu reifen, zu wachsen & zu heilen.

Oft trauen wir uns dies jedoch nicht und suchen stattdessen danach, was wohl „normal“ ist. Dabei gibt es weder eine „normale“ Körpergröße, noch eine „normale“ Aufstehzeit, genau so wenig wie eine „normale“ Arbeit oder ein „normales“ Einkommen. Genauso wenig gibt es eine „normale“ Kommunikation und „normale“ Sexualität. Am allerwenigsten gibt es jedoch das, wonach wir oft in unserer Verwirrung suchen:
Es gibt keine „normale“ Form, Liebe zu leben.

Individuell und unkonventionell

Wollen wir uns wirklich sicher & frei in unseren Partnerschaften fühlen, wäre es gut, jegliche Orientierung an dem, was vermeintlich „normal“ ist, zu verabschieden und uns zugleich auf die universelle Formel von Akzeptanz und Lebendigkeit zu besinnen: „Alles in mir darf sein.“ Alleine dadurch blüht unser Selbstwert auf und das innere Rückgrat unserer Seele wird gestärkt. Wir fühlen uns sicherer mit uns selbst und begegnen unserem Partner weniger ängstlich oder vorwurfsvoll. Damit laden wir seine Bereitschaft, uns zuzuhören und auch entgegenzukommen, wie selbstverständlich ein. Denn niemand öffnet sein Herz, wenn er sich angegriffen fühlt oder mit Vorwürfen konfrontiert sieht.

In einem nächsten Schritt können wir dann anfangen, selbstbewusst und souverän zu benennen, was wir brauchen und was uns wirklich wichtig ist. Dabei ist die gemeinsame Basis, das Gefühl sicher & willkommen zu sein, wichtiger als gemeinsame Hobbys & Interessen. Die Grundpfeiler dieser Basis werden nach meiner Erfahrung bestimmt von den Qualitäten Ich & Wir, Vertrauen statt Angst und Sicherheit in Freiheit.

Wir sind zunächst aufgefordert, uns selbst gegenüber aufrichtig zu sein und unseren Partner nicht mit einer langen Liste von Forderungen zu bedrängen. „Rote Linien“ hingegen dürfen und müssen benannt werden. Wichtige Fragen für den Anfang einer Partnerschaft könnten dabei sein:

Wie viel Kontakt und Verbindlichkeit brauche ich?
Wie oft muss ich den anderen sehen, hören, lesen, um mich sicher zu fühlen, in den Zeiten, in denen ich nicht mit ihr/mit ihm zusammen bin?
Was wären „rote Linien“, „No Gos“, die für mich das Ende des Vertrauens und damit der Partnerschaft bedeuten würden?

Gelingt es einem Paar, offen und vertrauensvoll Antworten auf diese wichtigen Fragen zu finden, schaffen sie damit eine verlässliche Basis, in der ihre Partnerschaft aufblühen und sich entfalten kann. Je besser dabei die Grundbedürfnisse beider Partner harmonieren, umso verlässlicher und sicher kann ihre Liebe sein. Manchmal stellen Paare dabei jedoch fest, dass sie ganz unterschiedliche Bedürfnisse in sich tragen und spüren, dass sie unterschiedlich viel Nähe, Sicherheit, Geborgenheit und Freiheit brauchen. Dann können sie sich der spannenden Aufgabe widmen, durch respektvolle Vereinbarungen, Raum für eine Entwicklung zu mehr Gemeinsamkeit zu schaffen - und so ihrer Liebe eine reale Chance zu geben.

In „Liebe Lernen für Paare uns Singles“ beschreibe ich in Kapitel 7 „Formen der Liebe“, was es braucht, um eine Partnerschaft so zu gestalten, dass sie wirklich passt. Ich benenne Vorzüge und Nachteile unterschiedlicher Beziehungsmodelle und weise auf Schlüsselbereiche einer individuellen Form der Liebe hin. Damit will ich Sie ermutigen und inspirieren, sich gerade in diesem so wichtigen Bereich Ihres Lebens nicht mit weniger zufrieden zu geben als Ihnen zusteht. Denn auch wenn der Weg bisweilen mühsam ist, er lohnt sich.

Ich selbst war im Alter von 43 Jahren gefühlt am Ende meines Lateins. Seit meiner ersten „richtigen“ Beziehung waren fast 30 Jahre vergangen, ich hatte viel erlebt und fühlte mich doch weder glücklich noch erfüllt. Irgendwie war es immer schwierig in Beziehungen, es gelang einfach nicht, auf Dauer mit einer Partnerin wirklich glücklich zu sein.
In einem selbstgewählten Sabbatjahr lernte ich mich selbst neu kennen und entdeckte, dass das, was ich in einer Beziehung suche, will und brauche, bisher bei meiner Partnerwahl nie eine bedeutende Rolle spielte. Es war mir bis dahin nicht wirklich klar und damit auch nicht wichtig.
Mit dieser Erkenntnis änderte sich mein Blick auf meine Beziehungswelt. Auch die Kriterien meiner Partnerwahl änderten sich. Meine Frau Tanja war seit vielen Jahren als Freundin in meinem Leben, jetzt wurde sie auch als Partnerin interessant und wir fanden zueinander. Und zu meiner Überraschung und Freude stellte ich fest, dass sie ähnliche Wünsche an eine Partnerschaft hatte wie ich.
Wir beide sind eher autonome Menschen, die nicht viel von einem anderen brauchen und zugleich wollen wir wissen, wo wir hingehören, wo wir „zu Hause“ sind, wo wir auftanken können. Wir sind viel mit und für andere da, Tanja als Pädagogin und Lehrerin für Kinder, ich als Seminarleiter und Therapeut für Erwachsene. Unsere Leidenschaft für unser Tun, unser Wirken, unsere Arbeit verbindet uns so wie unsere Liebe und Wertschätzung füreinander.
Mit diesen „Zutaten“, mit dieser Grundhaltung und der Bereitschaft, mit und aneinander zu wachsen, haben wir in den 14 Jahren unseres gemeinsamen Lebens eine Form der Beziehung geschaffen, die durchaus unkonventionell und zuweilen auch herausfordernd ist. Eine, die uns sowohl miteinander als auch individuell nährt und erfüllt.

Ich wünsche Ihnen den Mut, für sich einzustehen und sich auf den Weg zu machen, die Form zu finden, in der Ihre Liebe wirklich gelingen kann. Und wenn Sie mögen, begrüße ich Sie hier im April zu einem weiteren Beitrag aus der Welt des „Liebe lernens".

Herzlich
Ihr
Markus Klepper

 

Bildquelle: #97829710 @ WoGi/ fotolia