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Verliebt zu sein ist für die meisten von uns keine große Kunst. Wir verlieben uns, dann wenn die Sehnsucht nach den guten Gefühlen, die dadurch ausgelöst werden, groß genug ist. Ist unsere Seele hungrig oder durstig genug, genügt vielleicht schon ein Blick oder eine Geste eines anderen, dem es ähnlich geht und: Boom „hat es uns erwischt.“ Schnell vergessen wir alles um uns herum und fühlen uns berauscht, „wie auf Droge“. Genießen wir dieses Gefühl, so lange es anhält - solange wir dabei nicht vergessen: Genau wie jeder andere Rausch, geht der Rausch der Verliebtheit sicher vorbei. Und nur manchmal ist er der Vorbote zu wirklicher oder wahrer Liebe ….

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Eine schwangere Klientin berichtet nach der schmerzhaften Trennung vom Vater ihres zukünftigen Kindes erleichtert „Die Lektion, dass Verliebtheit nicht als Auswahlkriterium für eine Partnerschaft hilft, hab ich jetzt gelernt.“ Einige Monate zuvor war sie an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie spürte, jetzt wäre es Zeit für eine „richtige Partnerschaft“, vielleicht sogar Zeit, eine Familie zu gründen. Ganz überraschend verliebte sie sich sich in einen jüngeren, attraktiven und außergewöhnlichen Mann. In ihrer Beschreibung war er etwas ganz Besonderes und sie spürte sofort eine tiefe und faszinierende Verbindung zu ihm, die sie gar nicht in Worte fassen konnte. Etwas wundersames schien ihr widerfahren zu sein, ein Geschenk des Himmels. Kurze Zeit darauf wurde sie von ihm schwanger. Anfänglich war ihre Freude groß, auch er freute sich mit „seiner Königin“ zusammen eine Familie zu gründen. Wenig später begannen die Probleme. Erschrocken stellte sie fest, dass er noch ganz andere Seiten hatte und erlebte einen „anderen Mann“. Er war überfordert und reagierte voller Angst und Eifersucht. Für beide begann eine monatelange Odyssee. Da sie der Liebe eine Chance geben wollte und an ihn glaubte, war sie voller Verständnis für ihn und richtete ihr gesamtes Leben nach ihm aus. Dabei verlor sie sich, ihre Freunde und ihr eigenes Leben immer mehr aus dem Blick. Es war ein monatelanger Leidensweg für Beide, den sie in der Hoffnung ertrug, dass sie den Mann wieder entdecken würde, in den sie sich verliebt hatte. Schließlich gab sie auf und trennte sich von ihm, enttäuscht und auch erleichtert, dass sie schmerzhaft eine wichtige Lektion gelernt hatte: Verliebtheit taugt als Auswahlkriterium für eine Partnerschaft nicht.

Sehnsucht ist eine mächtige Kraft

Im Rausch der Verliebtheit sind mächtige Seelenkräfte am Werk. Den meisten von uns fällt es schwer, sie weise zu steuern. Manchmal gelingt dies selbst dann nicht, wenn wir „ansonsten“ einen kühlen Kopf haben und wach und ausgeschlafen sind, so wie die junge Frau in dem Beispiel. Sie ist - eigentlich - eine wache, bewusste und reflektierte Frau.

Je größer die Sehnsucht, je stärker unser Hunger und Durst, umso größer ist die Gefahr! Die guten Gefühle sind so stark und übermächtig, dass sie alles andere übertönen und uns eine Wahrheit vorgaukeln, die dem entspricht, was wir uns wünschen. Alles was das schöne Bild, den verliebten Schein, trübt, wird ausgeblendet. Wir sind auf natürliche Weise "Verliebtheits-high" und damit ähnlich unzurechnungsfähig als hätten wir Drogen konsumiert.

Aus meiner Erfahrung als Therapeut, Paarberater und auch aus meinem eigenen Leben weiß ich, dass diese "Verliebtheit-Falle" nicht an ein bestimmtes Alter gebunden ist. Auch wenn wir als junge Menschen eher in sie hineintappen, sind wir auch als „alte Esel“ nicht davor gefeit. Für mich gehört sie zu den wichtigsten Fehlern und Fallen, die uns ganz zu Anfang jeder neuen Beziehung herausfordern. Und nicht selten hält sie herbe Enttäuschungen für uns bereit.

Dann jedoch, wenn es uns gelingt, klug und weise damit umzugehen, können wir den wundervollen Seelenzustand der Verliebtheit genießen - und womöglich führt er uns sogar zu dem Geschenk wahrer und tiefer Liebe.


Wie wir unsere Sehnsucht weise steuern können

Wollen wir diesen wundervollen Seelenzustand genießen und auskosten, ohne in "Gefahr" zu geraten, dann sind wir gut beraten, ein paar Vorsichtsmaßnahmen zu beachten. Vielleicht klingen sie auf den ersten Blick ein wenig wie „Spielverderberei“. Tatsächlich tragen sie jedoch dazu bei, dass das Spiel der Liebe nicht in einer herben Enttäuschung endet.

Wir sollten uns vergegenwärtigen und immer wieder daran erinnern, dass der wundervolle Rausch der Verliebtheit etwas sein kann, wie die faszinierende Hochglanzbroschüre, die uns den Weg zur Liebe weist. Er ist Appetitanreger oder Vorspeise, niemals mehr. Die wirkliche Liebe beginnt immer erst nach den Flitterwochen, dann wenn der Rausch vorbei ist. Wenn wir befürchten, dass wir dies „vor lauter Liebe“ vergessen, kann es hilfreich sein, gute Freunde zu bitten, uns daran zu erinnern.

Wir sollten alle (!) Planungen für „die Zeit danach“ diszipliniert vermeiden und auf später verschieben. Ob es wirklich für ein „danach“ wirklich reicht, können wir frühestens nach 6-9 Monaten oder später einigermaßen zuverlässig einschätzen.

Klug wäre es, besonders was die Verhütung anbelangt, ausgesprochen wachsam zu sein. Denn die „geheimen Pläne unserer Seele“ gehen manchmal ihre eigenen Wege - wie bei der Frau im Beispiel.

Klug wäre es besonders, nicht all unsere Aufmerksamkeit auf den oder die Eine zu lenken und alles andere zu vernachlässigen. Womöglich brauchen wir unsere Freunde, unsere Hobbys und einfach unser eigenes Lebens früher wieder als wir denken. Und auch wenn wir verliebt sind, erhöht die Spannung den Reiz.

Für unsere Seele ist verliebt zu sein - auch - Stress. Es ist ein emotionaler Ausnahmezustand, an den sie sich gewöhnen und von dem sie sich auch wieder erholen muss. Dazu braucht sie - und wir - immer wieder auch Abstand und Raum für sich selbst und einen „klaren Kopf“. Auch wenn unsere sehnsüchtigen Gefühle etwas anderes wollen, sollten wir ihnen nicht alleine die Regie überlassen.

Von der Verliebtheit zur Liebe

Gelingt es uns diese „Vorsichtsmaßnahmen“ einzuhalten, dann kann der Zustand der Verliebtheit tatsächlich ein Schritt hin zu wirklicher und wahrer Liebe sein.

Wir begegnen dann mehr und mehr tatsächlich dem Menschen und nicht nur unserer Fantasie. Wir teilen mit ihm oder ihr tiefe und berührende Erfahrungen und entwickeln dadurch ein Gefühl von Vertrauen und Verbundenheit. Aus dem Strohfeuer der Verliebtheit kann dann die Glut eines nährenden Feuers werden, dass unsere Herzen wärmt ohne unseren Blick zu blenden. Es kann uns den Weg zu wirklicher Liebe weisen, wenn wir es hegen, ohne uns daran zu verbrennen.

In „Liebe Lernen für Paare und Singles“ beschreibe ich die Landkarte der Liebe, die dann von Ihnen entdeckt werden will. Die „Herausforderung Verliebtheit“ ist dabei eine der „Herausforderungen der Liebe“, die ich in Kapitel 2 beschreibe. Weit verbreitete „Landkarten der Liebe“ und wie wir uns dort zurechtfinden, beschreibe ich in Kapitel 3 „ Kapitel 3 – Landkarten für Leben und Liebe“.

Wenn Sie in ihrem Liebesleben auf unnötige „blaue Flecken“ verzichten oder es sich ein wenig leichter machen wollen, lade ich Sie herzlich ein, in meinem Buch „Liebe Lernen für Paare und Singles“ nachzulesen.

Ihr
Markus Klepper

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Im nächsten Beitrag beschäftige ich mich mit der Frage,
warum Liebe alleine als Basis für eine Partnerschaft nicht genügt.
Er erscheint am Freitag 04.12.2015

 

Bildquelle: Herzkonfetti © Artenauta / fotolila