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„Eine Beziehung ist keine Unterhaltungsshow“ - Der Schweizer Paartherapeut Klaus Heer benennt mit diesem provokativen Zitat eine Falle, in die wir häufig in Beziehungen tappen: Wir erwarten von unserem Partner alles Mögliche und sind dann tief enttäuscht, wenn er oder sie diesem anspruchsvollen Katalog nicht entspricht. Vielleicht fallen wir auch aus lauter Vorsicht ins andere Extrem: Wir erwarten vorsorglich lieber gar nichts, denn wer keine Erwartungen hat, kann auch nicht enttäuscht werden. Glücklich werden wir mit beiden Varianten in aller Regel nicht, denn gerade der Umgang mit dem „Werkzeug Erwartungen“ entscheidend maßgeblich über unser „Glück“ in der Liebe und im Leben.

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Erwartungen sind machtvolle Werkzeuge unserer Seele. Sie bündeln unserer Energie und richten sie aus auf ein Ziel, für das es sich lohnt, zu leben. Geben wir sie auf oder versuchen wir, sie abzuschaffen, dann geben wir ein wichtiges Steuer aus der Hand. Meist machen wir uns damit auch etwas vor, denn so richtig gelingt es selten, völlig erwartungslos durchs Leben zu gehen. Es ist auch wenig sinnvoll, denn es bedeutet Resignation: Wir unterstellen damit, dass wir sowieso nicht kriegen, was wir wollen oder brauchen.

In einer Partnerschaft oder Liebesbeziehung ist dies gleichbedeutend mit einer Kapitulation, denn „Warum sollten wir uns den Mühen und Aufgaben einer Partnerschaft stellen, wenn unsere wichtigen Bedürfnisse darin sowieso nicht erfüllt werden? Wofür sollten wir investieren und „geben“, wenn wir davon ausgehen, das was uns wirklich wichtig ist, sowieso nicht zurückzuerhalten?“

In meiner Beratungspraxis erlebe ich immer wieder, wie gerade Frauen in diese Falle tappen - besonders dann, wenn ihre Männer jeden Wunsch oder jedes geäußerte Bedürfnis als Forderung missverstehen, gegen die sie sich wehren oder abgrenzen müssen, „ihrer Freiheit und Unabhängigkeit zu Liebe“. Männern, die sich diesem vermeintlichen „Freiheits“ Reflex verbunden fühlen, empfehle ich dann manchmal scherzhaft, sich einen Westen-Klassiker mit John Wayne anzuschauen, bei dem der Held am Ende des Abenteuers alleine in den Sonnenuntergang reitet. Zugleich rate ich dazu, die Mama der Kindheit, die ihnen vermutlich noch mit ihren Erwartungen und Forderungen im Nacken sitzt, „aufs Pferd zu setzen“ und davon reiten zu lassen. Frauen fühlen sich durch diese Metapher meist sehr verstanden und auch erleichtert.

Forderungen wie etwa „Mach mich glücklich!“ oder „Hab mich lieb, egal was ich tue, liebe mich bedingungslos.“ sind Gift für eine erwachsene Partnerschaft auf Augenhöhe. Zugleich sind sie meist nicht wirklich erfüllbar. Diese klar zurückzuweisen und abzulehnen hält eine Partnerschaft wahrhaftig und lebendig. Wünsche und Bedürfnisse hingegen brauchen ihren Platz und ihren Raum. Sie sind als Ausdruck der Sehnsucht der eigenen Seele lebens-wichtig und sollten gerne auch frei und selbstbewusst geäußert werden. Lässt eine Partnerschaft dafür keinen Raum, erstirbt die Nähe und die Liebe. Auch hier sind besonders wir Männer aufgefordert, achtsam und aufmerksam zu sein. Die Rosen zum Hochzeitstag alleine reichen da meist nicht aus. Auch wäre es gut uns zu vergegenwärtigen, dass wir nicht jeden Wunsch erfüllen müssen oder können.

Auch bei Wünschen und Bedürfnissen, die wir formulieren, gibt es einen „Korridor der Angemessenheit“: Ein gesundes Maß zwischen einem „zu viel“ und „zu wenig“. Wollen wir nicht abstürzen und Enttäuschungen vorprogrammieren, sind wir hier gefordert, selbst achtsam und aufmerksam zu sein. Hilfreich dazu ist nach meiner Erfahrung, wenn wir uns einen einfachen Zusammenhang verdeutlichen:

Erwartungen sind dazu da, in Erfüllung zu gehen.
Werden sie erfüllt, dann fühlen wir uns belohnt und sind motiviert.
Werden sie nicht erfüllt, fühlen wir uns enttäuscht und oft abgelehnt. Nicht selten werden dadurch alte Enttäuschungen und Verletzungen reaktiviert.

Deshalb sollten wir unsere Wünsche, die wir unserem Partner gegenüber formulieren, immer auch danach überprüfen, ob er oder sie diese auch erfüllen kann, so er denn will. Den romantischen Zauber des Anfangs und der Verliebtheit kann auch in einer guten und partnerschaftlichen Beziehung nach einigen Jahren niemand wieder dauerhaft herbeizaubern. Und eine Personal-Union von leidenschaftlichem Liebhaber, treusorgendem Ehemann, fürsorglichem Papa und spritzigem Animateur hat die Natur nicht wirklich im Angebot - weder in männlicher, noch in weiblicher Form. So sehr wir uns die „bequemerweise“ auch manchmal wünschen mögen.

Wenn wir jedoch feststellen, dass wichtige Bedürfnisse nicht oder nicht mehr erfüllt werden, empfehle ich, dies offen, aufrichtig und möglichst frühzeitig mit dem Partner zu besprechen. Am besten, bevor sich Enttäuschung und Groll so sehr aufgestaut haben, dass eine Flut von Vorwürfen jedes konstruktive Gespräch verhindert. Die wichtige Beziehungskompetenz „Kommunikation“ ist dafür unerlässlich. Besonders das leicht zu erlernende Ritual der „Zwiegespräche“ kann hier eine große Unterstützung sein. Paare, die dies regelmäßig anwenden, erleben damit nach meiner Erfahrung immer wieder kleine Wunder - und sind oft erstaunt, wie einfach und nährend Kommunikation sein kann.

Lässt sich jedoch auch durch gute Kommunikation kein gemeinsamer Nenner mehr finden, so sind die Konflikte wahrscheinlich größer und tiefgreifender. Vielleicht haben sie sich auch zu lange aufgestaut. Will ein Paar oder einer der Partner hier nicht resignieren und die innere Erosion der Partnerschaft riskieren, so sollte es sich grundsätzliche Fragen stellen, vielleicht sogar mit professioneller Unterstützung. Es kann sein, dass der Maßanzug der Liebe zu eng geworden ist, womöglich hat er auch nie richtig gepasst. Es könnte jedoch auch sein, dass die Partner noch nicht gelernt haben, wie man ihn am besten knöpft oder trägt.

Wollen Sie sich der Aufgabe, zu lernen wie die Liebe gelingen kann, widmen empfehle ich in diesem Zusammenhang sehr gerne die Kapitel 4, 5 und 7 aus meinen Buch „Liebe Lernen für Paare und Singles“. In Kapitel 4 - Kompetenzen der Liebe - erläutere ich mit welch einfachen Schritten, Sie gelingende Kommunikation und andere wichtige Kompetenzen in Ihre Partnerschaft einladen können. In Kapitel 5 - Irrtümer und Fallen der Liebe - gehe ich auf die Aufgabe ein, Erwartungen weise zu nutzen. Und in Kapitel 7 - Formen der Liebe - benenne ich aus meiner Sicht, was es braucht, damit ihre Liebe möglichst passgenau wird.

Vielleicht finden Sie ja in den nächsten Tagen anlässlich des „Festes der Liebe“ ein wenig Zeit und Muße, sich diesen Themen zu widmen. 

Ich wünsche Ihnen und uns allen ein harmonische und friedliche Zeit über Weihnachten und einen guten Start in ein hoffentlich erfreuliches Jahr 2016. Hier in meinem Blog melde ich mich wahrscheinlich am 15.1.2016 zurück.

Ihr
Markus Klepper

PS
Gerne weise ich noch auf ein Interview mit Klaus Heer hin, in dem er sich gewohnt privativ zu dem Thema dieses Blogbeitrages äußert: Klaus Heer „Eine Beziehung ist keine Unterhaltungsshow“ https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/redaktion/2015/15-11/klaus-heer-beziehung-pflegen.html


Und der folgenden Link führt Sie zu den vermeintlichen Erwartungen von Männern, die Frauen vor nur 60 Jahren verinnerlichen sollten. Es ist - leider - keine Satire. Viele dachten damals so: http://new.likemag.com/de/vor-60-jahren-erwartete-man-von-einer-frau-dass-sie-das-fuer-ihren-mann-tut-absolut-verrueckt/41019

 

Bildquelle: Frohe Weihnachten, liebe Weihnachtsgrüße @ gisik22 / fotolia