undefined

Unserer Sexualität ist das Intimste und Privateste, was wir haben. Nirgendwo sonst sind wir so nackt und so sichtbar und kaum ein anderes Verhalten ist in der Lage uns so intensive und unmittelbare Gefühle von Glück und Ekstase zu vermitteln. Zugleich ist sie der Bereich unseres Daseins, der am leichtesten zu erschüttern und zu verletzen ist. Hier sind wir so leicht angreifbar und so verletzlich, wie in keinem anderen Bereich unseres Seins. Oft fürchten wir uns davor mehr als uns darauf zu freuen. Mehr als 45% der Frauen und mehr als 35% der Männer klagen über Unlust und sexuelle Störungen und das Klischee des Mannes, „der immer will oder kann“, ist heutzutage weit weg von der erlebten Realität. Erst wenn wir lernen, die nötige Sicherheit durch eigenes Zutun selbst zu erschaffen, haben wir die Chance, das Geschenk lebendiger Sexualität wirklich und auch langfristig zu genießen.

>>> mehr

Unsere Sexualität ist eine Vielzahl von Bedrohungen und Gefahren ausgesetzt. Zum einen sind dies negative Prägungen durch die „Vorbild-Funktion“ unserer Eltern, hemmende und verbietende Einflüssen durch die Religion und auch kulturell-gesellschaftliche und rechtliche Konventionen und Vorstellungen. So ist etwa die Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 strafbar und die Verweigerung des Beischlafs wurde auch noch später von Gerichten als Grund zur Beschneidung ehelichen Unterhaltes betrachtet. Beides wohlgemerkt in Deutschland, nicht im einem Land aus dem muslimisch-arabischen Kulturkreis.

Auch verstörende eigene Erfahrungen mit Sexualität oder auch Unwissenheit und daraus resultierende Angst und/oder Leistungsdruck stehen einem unbeschwerten sexuellen Erleben häufig im Weg. Besonders „wir Männer“ erleben in diesem Bereich ganz oft jede Menge Druck und Angst: Männer haben oft Angst beim Sex - Angst zu viel zu sein oder zu wollen, oder zu wenig zu können oder zu leisten. Oft sind wir auch hier vorrangig mit machen und tun beschäftigt und wollen gut „unseren Mann stehen“. Kein Wunder also, dass vor allem „wir Männer“ durch eine Verbindung von Geltungsdrang, männlichem Ego, Unwissenheit, Angst und (Leistungs)Druck verantwortlich sind für so viel Leid und Schlimmes im Zusammenhang mit Sexualität. Keinesfalls darf dies natürlich als Entschuldigung dafür gelten, unsere eigene gefühlte Ohnmacht als billige Erklärung oder gar Ausrede für Respektlosigkeit, Brutalität oder gar Gewalt zu missbrauchen.

Sexualität kann nur dann gelingen, wenn wir uns dabei sicher fühlen

Besonders vor dem Hintergrund der sichtbaren und unsichtbaren äußeren
und inneren „Angreifer“ und Antagonisten und in einer Zeit allgegenwärtiger sexuelle Reize wird diese wichtige Voraussetzung leider häufig übersehen. Oft denken wir, das, was so offenkundig zur Schau gestellt wird, wäre jederzeit „auf Knopfdruck“ verfügbar und allzeit „leichtes Spiel“. Unsere gefühlte innere Wirklichkeit sieht leider meist eher anders aus.

Erfüllende, nährende und heilende Sexualität braucht Sicherheit und Raum und Zeit

Alles was Druck oder Angst erzeugt, all das was uns dabei in Stress versetzt, ist damit unvereinbar. Sexualität wird umso leichter und belohnender je mehr sie einen Geist atmet, den wir aus Kindertagen erinnern und kennen. Sie ist in Wirklichkeit eine erwachsene Form des Spiels: Frei, neugierig, unschuldig und mit Regeln, die wir uns selbst schaffen.

Es gibt beim Sex kein richtig oder falsch, kein gut oder schlecht.
Und alle, die darüber urteilen oder richten, alle Lehrer oder Propheten, die sich mit ihren Botschaften - do’s & don’ts - so oft einmischen in unser höchst individuelles sexuelles Erleben, stehen unserer sexuellen Lust und Erfüllung letztendlich im Weg.

Erfüllte und leidenschaftliche Sexualität ist das,
was zwei – oder mehr – Menschen miteinander teilen und erleben,
während sie körperlich miteinander intim sind und sich gut dabei fühlen –
davor, währenddessen und danach.

Um dies zu ermöglichen brauchen wir einen sicheren Rahmen frei von (Leistung)Druck oder Angst.

Klug wäre es, diesen für uns selbst und unseren Partner zunächst einzuladen und zu erschaffen. Dies beginnt mit der Antwort auf die wichtige Frage: „Was brauche ich, um mich möglichst sicher und geschützt zu fühlen?“. Die Antwort fällt naturgemäß höchst individuell aus. Auch ist sie bei einer Affäre oder einen One-Night-Stand natürlich anders als in einer Partnerschaft oder Liebesbeziehung.

Zugleich ist sie immer wichtig. Wir sollten uns ihr niemals entziehen und sie immer als Orientierung und „zur Sicherheit“ im Kopf haben, besonders dann, wenn unsere Seele von negativen Vorerfahrungen geprägt oder beschädigt ist.

In meiner therapeutischen Tätigkeit erlebe ich immer wieder, wie Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle Übergriffe oder sexuelle Gewalt erlebt haben, dazu neigen, sich als Erwachsene durch sexuell allzu freizügiges Verhalten selbst weiter zu beschädigen. Meist ist ihnen nicht wirklich bewusst, wie sehr sie sich dadurch selbst immer wieder neue Verletzungen zufügen, nicht selten sogar re-traumatisieren, Um sich zu schützen und sich aus dem Sog sexueller Abhängigkeitsgefühle zu befreien, empfehle ich als „ultima ratio“ dann manchmal eine Zeit völliger sexueller Abstinenz, ein „sexuelles Sabbatjahr“.

Um uns sicher und geschützt zu fühlen und die Freiheit ungestörten Spielens und Entdeckens einzuladen sind natürlich zunächst passende äußeren Rahmenbedingungen wichtig. Es geht darum eine möglichst geschützte und private Atmosphäre zu erschaffen, in der wir uns entspannen und wohlfühlen können - es sei denn die sexuellen Vorlieben beider Partner treffen sich in einem anderen Arrangement und suchen etwa den Reiz der Öffentlichkeit oder des Entdeckt-Werden-Könnens.

Als Nächstes geht es darum, durch verlässliche und möglichst klare Vereinbarungen und Grenzen den Raum sexuellen Erlebens gemeinsam abzustecken und sicher werden zu lassen. „Wo fängt er an, Wo hört er auf?“ „Was ist erlaubt? Was steht auf dem Wunschzettel und was sind die No Go’s?“. „Wie schnell gehen die Partner wie weit? Wie viel Zeit nehmen oder lassen sie sich?“ Nichts davon ist selbstverständlich und alles ist verhandelbar. Idealerweise und am Besten als „vertrauensbildende Maßnahme“ vor dem tatsächlichen sexuellen Erleben.

Eine besondere Herausforderungen sind dabei unsere unausgesprochenen Erwartungen. Gerade dann, wenn wir beeindrucken oder gefallen wollen, muten wir uns oft allzu viel zu und setzen damit uns selbst und unser Gegenüber mächtig unter Druck. Besonders beim Sex ist dabei anfangs weniger oft mehr. Besonders hier sind wir gut beraten, uns einer Strategie zu widmen, die tatsächlich zu uns passt und uns schrittweise dazu führt Lust, Leidenschaft und Sexualität wirklich genießen zu können. Rituale, Zeiten in den wir uns verabreden, um zu erforschen zu entdecken und zu genießen, können hier wertvoll und wichtig sein. Alleine die gemeinsame Verabredung für einen sinnlich-erotischen Abend, die innere Vorbereitung darauf, vielleicht sogar die Vorfreude kann manchmal wahre Wunder bewirken. Und die Vorstellung, Sex müsse auch in festen Partnerschaften spontan und nicht „nach Plan“ geschehen, führt oft dazu, dass gar nichts passiert.

In „Liebe Lernen für Paare und Singles“ beschreibe ich in Kapitel 8 - Liebe und Lust - 16 Schritte auf dem Weg zu sexueller Lust und Erfüllung. Ich beschreibe Einstellungen, Haltungen und konkrete Verhaltensweisen, die Sie umsetzen und erleben können, um die Freude an der Lust (neu) zu entdecken. Zusätzlich benenne ich Rahmenbedingungen, und weise auf „Gegenspieler“ und Gefahren hin. Ich möchte Ihre Neugier wecken und Ihnen Lust darauf machen. Die Geschenke lebendiger und leidenschaftlicher Sexualität für sich (neu) zu entdecken und (wieder) entspannen zu können.

Denn gerade in unserer heutigen oft über-sexualisierten Zeit fehlen uns nach meiner Einschätzung oft eine ordentliche Portion Entspannung und ein wacher Blick über den eigenen Tellerrand, sowie Informationen, die Wolken vertreiben und den Blick auf die Sonne öffnen. Und eigentlich könnte unsere Lust, Leidenschaft und eine zeitgemäße Haltung zu einem uralten Thema so etwas sein wie ein prickelndes und wärmendes Bad in der Sonne. Sehr gerne lade ich Sie dazu in meinem Buch ein wenig ein.

Und wenn Sie mögen, begrüße ich Sie hier im April wieder zu einem weiteren Beitrag aus der Welt des „Liebe lernens".

Herzlich
Ihr
Markus Klepper

 

Bildquelle: 85299871 @ Aarrttuurr / fotolia